Zwillingsdorf Kondinji in Indien: Das doppelte Lottchen

Der Bundesstaat Kerala, das ist ein tropischer Traum ganz im Südwesten Indiens. Die fruchtbaren Landstriche sind durchzogen von Flüssen und Kanälen. Kokospalmen wachsen an den Ufern und kleine Dörfer verstecken sich hinter dem üppigen Grün. An den Bootsstegen sieht man Männer, Frauen und Kinder, die in den bei Touristen beliebten „Backwaters“ schwimmen, sich am Ufer waschen oder ihre Kleidung reinigen. Kein Wunder, dass Kerala auch „Gottes eigenes Land“ genannt wird. Die meisten hier sind Hindus, aber in Kondinji mit seinen 2000 Familien leben vor allem Muslime, eine Moschee überragt das Dorf.

Das Zwillingsdorf Kondinji

Wenn man durch die Straßen und Kanäle von Kondinji streift, fällt es vielleicht auf: oft sieht man gleichaltrige Kinder, die sich wie ein Haar dem anderen gleichen: Es sind eineiige Zwillinge, aber warum kommen gleich um die Ecke nochmal welche? Und ein paar Minuten später schon wieder… Auch sonst ähneln sich viele Kinder sehr, wenn sie auch nicht identisch aussehen, denn viele sind zweieiige Zwillinge. Weltweit hat Kondinji, das in der Literatur oft auch Kodinhi geschrieben wird, Berühmtheit erlangt durch die hohe Zahl an Zwillingsgeburten, die sich so richtig keiner erklären kann. Etwa jede 20. Geburt ist hier eine Zwillingsgeburt, weltweit kommt im Durchschnitt nur auf 250 Geburten eine eineiige Zwillingsgeburt.

Was heißt es, ein Zwilling zu sein?

Wie alle Zwillinge auf der Welt haben auch in Kondinji die Kinder ihre Eigenheiten: Sie spielen Verwechslungskomödien, wollen möglichst gleich gekleidet sein, wollen sich trotzdem voneinander abheben und verstehen sich als Individuen. Sie treiben mit dem Lehrer ihren Schabernack und schicken die Schwester oder den Bruder vor, wenn sie die Hausaufgaben nicht gemacht haben. Die Geschäfte in Kondinji haben sich auf die Zwillingskundschaft eingerichtet: Sie führen in ihrem Sortiment jedes Kleidungsstück gleich doppelt! In dem Buch „Das doppelte Lottchen“ von Erich Kästner, einem Klassiker unter den Kinderbüchern, kann man die Späße und Nöte von Zwillingen auf amüsante Weise nachlesen.

Warum gibt es so viele Zwillinge in Kondinji?

Die Menschen machen sich natürlich Gedanken über die Gründe, warum es so viele Zwillinge in Kondinji gibt. Liegt es am Wasser oder an der tropischen Schwüle, an den würzigen Speisen mit ihren scharfen Chilis oder ist gar das Dorf von Gott auserwählt? Ist die Umweltverschmutzung daran schuld? Dagegen spricht, dass die Zwillingskinder meist gesund und munter sind, kein Hinweis auf Gendefekte oder Ähnliches. Seit ungefähr 70 Jahren werden immer mehr Zwillinge im Dorf und in der Region geboren, erzählen die älteren Bewohner, die Tendenz sei immer noch steigend. Aber warum? Nur Gott weiß es.

Was sagen die Ärzte?

Der Dorfarzt meint, ja, die Ernährung könnte ein Grund sein, genauere Untersuchungen seien mit seinen bescheidenen Mitteln aber nicht möglich. Internationale Mediziner erforschen auch in anderen Zwillingsdörfern dieser Welt, zum Beispiel in Cândido Godói in Brasilien, in Velyka Kopanya in der Ukraine oder in Igbo-Ora im Südwesten Nigerias. Anscheinend spielt die Genetik eine große Rolle, denn in bestimmten Familien häufen sich die Zwillingsgeburten, ihre Anzahl steigt über die Generationen immer mehr an, die genetische Veranlagung wird immer prägnanter. Noch sind das jedoch Spekulationen, ein stichhaltiger Beweis für diese These wurde bisher nicht erbracht.

Mehr Milch und Fleisch zu essen soll die Wahrscheinlichkeit, Zwillinge zu bekommen, erhöhen. Ob das auch für Kondinji gilt, ist die Frage: In den hinduistischen Dörfern Keralas jedenfalls leben die meisten Menschen vegetarisch.

Warum gibt es überhaupt Zwillinge?

Eineiige Zwillinge entstehen, wenn sich eine Eizelle ganz kurz nach der Befruchtung in zwei Zellen teilt. Wenn zwei Eizellen gleichzeitig befruchtet werden, werden zweieiige Zwillinge geboren. Ist es also doch ein reines Lotteriespiel, bei dem die Frauen in Kondinji anscheinend die besseren Karten haben? Alles reiner Zufall oder Inshallah, so Gott will, je nach Weltanschauung und Glauben? Ein Rätsel der Wissenschaft, ein Mysterium, das vielleicht nie ganz gelöst wird? In manchen Weltgegenden wurden Zwillinge als Gottheiten verehrt, in anderen als Werke des Teufels verfolgt. Den vielen Zwillingen von Kondinji ist das egal.

Sie leben einfach ihr Leben. Sie streiten und sie lieben sich wie alle Geschwister: Jeder Zwilling hat einen Seelenverwandten gleich neben sich, der ihm in vielem gleicht, nicht nur im Aussehen, sondern auch im Wesen und der doch verschieden ist, ein anderer. Und das ist auch gut so!