Mainzer Wände: Ein Projekt der Gegenwartskunst im Fokus

2.000 Jahre Kultur und eine vielgerühmte Lebenslust prägen Mainz, die liebenswerte, von den Römern gegründete, Stadt am Rhein. Wer Mainz besucht, sollte sich aber nicht nur auf Spuren der Römer und von Johannes Gutenberg begeben oder sich ins pulsierende Nachtleben stürzen, sondern auch den Mainzer Wänden Aufmerksamkeit zollen. Mit der Idee, Wände in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken, spielte der „Ideenautor“ Tom Möller bereits 2007 mit seinem Kunstprojekt „Mainzer Wände“.

Mainzer Wände als Projekt der Gegenwartskunst

Die Idee von Tom Möller, 28 Hauswände in Mainz von internationalen Künstlern gestalten zu lassen, stieß auf geteilte Resonanz. Während der damalige Oberbürgermeister Jens Beutel die Idee interessant und bereichernd für die Stadt fand, lehnte der Kunstbeirat der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt das Projekt ab. Er stufte den künstlerischen Wert der Kunstaktion als gering ein und hatte Zweifel an der qualitativen und konzeptionellen Grundlage des Projekts. Zudem schätzte der Kunstbeirat das Vorhaben als äußerst schwierig ein, Künstler aus 28 Staaten zu finden, die nicht nur gute Ideen haben, sondern auch über das Know-how verfügen, eine Wandbemalung im Ausmaß von hundert Quadratmetern technisch und künstlerisch umzusetzen.

Neben dem ästhetischen Risiko gaben auch der, in anderen Städten ersichtliche, langfristige Verfall solcher Werke sowie der hohe Pflege- und Restaurationsaufwand Anlass zu Bedenken. Die Idee Möllers zu dem Gegenwartskunstprojekt „Mainzer Wände“ wurde folglich nicht umgesetzt.

Wandbildmalerei in Deutschland

Die Idee, leere Wandflächen in Städten künstlerisch zu gestalten, ist keinesfalls neu. In den 1970er Jahren wurden beispielsweise vom Bildhauer und Aktionskünstler Ben Wagin mit seinem Werk „Weltbaum – Grün ist Leben“ Wandbilder in Berlin initiiert, deren Zahl mittlerweile auf über 800 gestiegen ist. Auch in der Bremer Böttcherstraße entstanden 1972 erste Wandbilder. Die Wandmalerei kann als demokratisch angesehen werden, ist sie doch öffentlich und für ein breites Publikum zugänglich. Zurückverfolgen lässt sich diese Kunstform bis zu eiszeitlichen Höhlenmalereien, der mexikanische Künstler Diego Rivera verlieh ihr im 20. Jahrhundert neue, moderne Anstöße.

Viele der Berliner Wandbilder sind inzwischen wieder verschwunden, die verschmutze Großstadtluft trägt dazu bei, dass die Lebensdauer von Hausbemalungen nur um die 15 Jahre beträgt.

Grafittis sind eine weitere Kunstform, die öden, grauen Wänden buntes Leben einhaucht. Im U-Bahn-Bereich von Wiesbaden und Mainz wurden 2019 beim „Meeting of Styles“ 4.000 Quadratmeter Wandfläche rund um den Kasteler Brückenkopf von 130 internationalen Künstlern mit Graffitis geschmückt. Auch im Schloss-Gymnasium Mainz ziert ein Wandgemälde die Schulhofwand, das in einem mehrjährigen Projekt von den Schülern gestaltet wurde.

wandmalerei in mainz
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Mainzer Wände in der Gegenwart

Wände erhalten normalerweise weder von der Geschichtsschreibung noch von Touristen viel Aufmerksamkeit. Die Idee, sich einmal nicht mit den Geschehnissen hinter den Wänden zu beschäftigen und Mainzer Wände bewusst zu betrachten, auch wenn sie nicht von Wandmalereien geschmückt sind, hat aber etwas für sich. Besonders geeignet dafür ist die Mainzer Altstadt, nahe dem historischen „Neuthor“ und dem Markt mit seinen umliegenden Vierteln.

Entdecken lässt sich auf diesem Streifzug einiges, von elektronischen Wänden in Form von Leuchtreklamen und kuriosen Schildern, die Mainzer Wände zieren, über Glaswände, metallene Namensschilder oder in Putz eingearbeitete Firmenschilder bis hin zu Tafeln, die Details über die Mainzer Geschichte enthüllen. Auch Hinweise auf Geschäfte, die längst nicht mehr existieren, eröffnen sich dem aufmerksamen Betrachter. So zeugt beispielsweise an der Hauswand der Fischergasse 10 das in den Putz integrierte Firmenschild von der einst dort ansässigen „Rhein & Seefisch Handlung“ Karl Balzers.

Dass die Mainzer leckeres Essen und einen guten Tropfen Wein schätzen erkennt man an Schaufenstern oder Wandtafeln und aufstellbaren Kreidetafeln von Restaurants und Weinlokalen. Sprays und Tags hingegen sind in Mainz weniger verbreitet als in anderen Städten.

Kunstprojekt mit verschiedenen Baustilen

Bei einer Betrachtung der Mainzer Wände erschließen sich auch die unterschiedlichen Baustile, die die Stadt am Rhein geprägt haben. Am Kirschgarten lassen sich Fachwerkhäuserlinien bestaunen, darunter auch das um 1500 erbaute, noch heute in Teilen erhaltene, älteste Fachwerkhaus von Mainz. Aus tiefrotem Sandstein sind hingegen die Wände des Mainzer Doms gefertigt, der in seiner heutigen Form romanische, gotische und barocke Elemente aufweist. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Innenstadt weitgehend zerstört, nur die wichtigsten Gebäude wie die Adelspaläste aus der Barock- und Rokokozeit am Schillerplatz wurden wiedererrichtet.

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Hier zeigen die Wände einerseits reichhaltige Ornamentik, andererseits zurückhaltende klassizistische Formensprache. Als Zeugnis der Deutschen Renaissance dient die Fassade des Kurfürstlichen Schlosses, wohingegen die grüne Vorhangfassade der Mainzer Kunsthalle eine Mainzer Wand der Gegenwart repräsentiert. Während also dem Kunstprojekt „Mainzer Wände“ nur eine kurze Lebensdauer beschert war, finden sich auf den Mainzer Wänden der Gegenwart sehr wohl Spuren der 2.000-jährigen Historie der Stadt. Wände auf einem Stadtrundgang zum Gegenstand der Betrachtungen zu machen, ist definitiv ein lohnendes Unterfangen.

In ihrer Stummheit erzählen sie, mal mehr und mal weniger vordergründig, Geschichten aus der Mainzer Vergangenheit und Gegenwart und erlauben Einblicke in die Vorlieben und die Lebensweise der Bewohner. Auf den Wänden der Altstadt finden sich genügend beachtenswerte Details und Fotomotive, aber auch die Wände der modernen Architektur der Stadt enthüllen Interessantes. So erhielt die Neue Synagoge in der Mainzer Neustadt den Deutschen Fassadenpreis für vorgehängte, hinterlüftete Fassaden. Ihre Keramikfassade changiert in unterschiedlichen Grüntönen bis hin zu Schwarz und vermittelt dem Betrachter einen dreidimensionalen Eindruck.

Das Fazit

Wer in seine Betrachtungen der Mainzer Wände auch die Oberstadt mit ihren Bauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einbeziehen möchte, ist mit einem Fahrrad gut beraten. Seit 2012 gibt es in Mainz ein Fahrradverleihsystem mit ca. 100 Verleihstationen. Ist man vom Betrachten der Mainzer Wände hungrig geworden, richtet man seinen Blick am besten auf die, teils klappbaren, schwarzen Kreidetafelwände, auf denen Restaurants und Weinstuben ihre Köstlichkeiten anpreisen und hält Ausschau nach Mainzer Spezialitäten, wie „Weck, Worscht un Woi“ (Brötchen, Wurst und Wein) oder „Meenzer Spundekäs mit Brezelchen“, eine besondere Frischkäsezubereitung.